Spezielle Informationen für
- Stoma-Träger und -Trägerinnen
- Kinderbetreuung
- Zuzahlungsbefreiung
- Reisekostenerstattung
ILCO-Leitlinie "Stationäre Rehabilitation des Stomaträgers"
Anforderungen an den Rehabilitationsablauf
Die Qualität des Rehabilitationsprozesses ist abhängig von
Feststellung des objektiven und subjektiven Rehabilitationsbedarfs, d. h. umfassende Information ; rehabilitationsbezogene Diagnostik
der bedarfsadaptierten Umsetzung individuell notwendiger Maßnahmen (Vermeidung von Überflüssigem).Für die Stomaberatung ist bei jeder Rehabilitationsplanung ausreichend Zeit zu berücksichtigen. Die benötigte Beratungsdauer und -frequenz ist der individuellen Problem- und Lebenssituation anzupassen.
Anforderungen an den Rehabilitationsablauf: Information
Voraussetzung für eine erfolgreiche Beratung des Stomaträgers ist die umfassende Information des Beratenden. Hierbei sind grundsätzlich die Schweigepflicht- bzw. die Bestimmungen des Datenschutzes zu beachten. Neben dem Arztbrief, der Pflegedokumentation und den sozialmedizinischen Informationen haben sich für Mitteilungen über die Stomaanlage spezielle Formulare bewährt, die schnell auszufüllen sind und eine übersichtliche Anordnung der benötigten Informationen erlauben.
An Informationen werden grundsätzlich benötigt:
Allgemeine Informationen
Angaben zur Person
Diagnose der Grundkrankheit (bei Tumoren TNM-Klassifikation)
Operationsmethode bzw. Bericht
postoperativer Verlauf
perineale und abdominelle Wunde und deren Versorgung
Umfang und Ergebnis einer etwaigen Strahlentherapie
Form, Umfang und Ergebnis einer etwaigen zytostatischen Therapie
Angaben über zusätzliche therapeutische Maßnahmen
Ernährungszustand
psychische Situation, Krankheitsverarbeitung
soziale Belastung (Familie, Umfeld)
berufliche Situation, Möglichkeiten der beruflichen Reintegration
Stomabezogene Informationen
bisherige Stomafunktion
Konsistenz, Frequenz, Menge der Ausscheidung
Komplikationen (Besonderheiten der Stomaanlage)
bisher benötigte Versorgung (Versorgungssystem, Produktname, Firma, Größe, Bestellnummer)
Hilfsmittel (Hautschutzpaste, Gürtel, Entsorgungsbeutel, Klammern etc.)
zusätzliche Komplikationen (z. B. Harninkontinenz, Allergien, Fisteln, Simultanerkrankungen)
Pflegeanamnese und - planung
Die in der Rehabilitationsklinik durchgeführte Diagnostik beschränkt sich auf die für Rehabilitation und Beratung relevanten Probleme und ergänzt - wenn notwendig - die Vorbefunde. Die Diagnostik dient der Feststellung von Funktionsdefiziten, der Definition der Rehabilitationsziele (Rehabilitationsdiagnose), der Aufstellung eines Therapie- bzw. Beratungsplanes, der Therapieverlaufskontrolle und nicht zuletzt einer objektiven sozialmedizinischen Beurteilung und Hilfestellung.
Die klinische Untersuchung des Stomaträgers erfolgt innerhalb der ersten 24 Stunden nach Klinikaufnahme und umfasst:
Beurteilung des Stomas im Liegen, Stehen, Sitzen und Bücken
Austastung des Stomas
Beurteilung der Stomaversorgung, auch aus der Sicht des Patienten
Diagnostik der perinealen Wunde bzw. Narbe
Beurteilung der psychischen Situation
Motivation zur beruflichen Reintegration
Die Absicht, eine unabhängige und selbstbestimmte Lebensführung des Stomaträgers zu ermöglichen, ist Grundlage für die Definition der Rehabilitationsziele. Deren Bestimmung ergibt sich aus dem Rehabilitations- bzw. Beratungsdefizit.
Es ist zu beachten, dass bei der Zieldefinition neben einer verständlichen kurzfristigen Zielerreichung möglichst ein langfristiger Effekt anzustreben ist. Ferner sollten die Erwartungen des Patienten und seine individuellen Grenzen (körperlich-geistig-seelisch) berücksichtigt werden.
Somatische Rehabilitationsziele
Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit
Optimierung des Ernährungszustandes
Beschleunigung der Rekonvaleszenz
Verminderung von intestinalen Funktionsstörungen (Diarrhoe, Obstipation, Meteo-rismus)
Schmerzreduktion
Stomaspezifische Rehabilitationsziele
Optimierung der Stomaversorgung (Versorgungssysteme)
Erwerb von Kenntnissen zum selbständigen Umgang mit Hilfsmitteln
Erlernen der Stuhlregulierung mittels Irrigation (falls möglich)
Verminderung von Stomakomplikationen
Psychosoziale Rehabilitationsziele
- Stärkung der emotionalen Verarbeitung psychischer Probleme, die sich aus der Grunderkrankung ergeben können
Stärkung der Akzeptanz des veränderten Körpers und der ausgefallenen Körperfunktion
Kompensation der Angst vor unkontrollierbaren Funktionsstörungen
Verminderung von Ängstlichkeit
Verminderung von Depressivität
Verbesserung der Befindlichkeit
Kompensation sexueller Probleme
Erlernen von Strategien und Techniken der Krankheitsbewältigung (Coping)
Festigung der Integration in Partnerschaft, Familie und Alltag
Motivation zur beruflichen Reintegration
Edukative Rehabilitationsziele
Verbesserung des Informationsstandes über die Krankheit
Krankheitsgerechtes Verhalten
Beherrschen von Strategien und Techniken der Stressbewältigung
Anforderungen an den Rehabilitationsablauf: Umsetzung
Sprechstunden und Visiten
Vorstellung innerhalb der ersten 24 Stunden des Klinikaufenthaltes bei Arzt und Stomatherapeut
Eingehen auf akute Probleme bzw. Komplikationen
Termine
Stationsarzt, Oberarzt, Chefarzt
täglich bei akuten Problemen (wenn notwendig im Patientenzimmer)
regelmäßig 1 x / Woche, feststehender Termin (Patientenzimmer)
Stomatherapeut
nach Bedarf bei akuten Problemen täglich (wenn notwendig im Patientenzimmer)
wöchentlich, feststehender Termin (im Beratungsraum)
Ernährungsberater: nach Anmeldung
Psychologe: nach Anmeldung oder ärztlicher Veranlassung
Sozialarbeiter: nach Anmeldung oder ärztlicher Veranlassung
Physiotherapeut: nach ärztlicher Verordnung
Trainingsprogramm
Umgang mit Hilfsmitteln zur selbstständigen Versorgung (Patientenzimmer)
Irrigationstraining (Patientenzimmer) nach Indikationsstellung
Inkontinenzprogramm, Biofeedback (Patientenzimmer) bei Bedarf
Training der Sicherheit im Alltag (Gymnastik, Wandern, Schwimmen usw.)
Physiotherapie (Beckenbodentraining, prophylaktische Maßnahmen etc.)
Edukative Maßnahmen
Strukturierte, auf die speziellen Erfordernisse abgestimmte Schulungsprogramme haben das Ziel, den Betroffenen an der Bewältigung seiner Krankheitsfolgen zu beteiligen, seine eigene Verantwortung zu stärken, seine Selbständigkeit zu fördern und eine aktive Auseinandersetzung mit der Krankheit (Coping) und der Behinderung zu ermöglichen. Die Arbeit in kleinen Gruppen ist häufig notwendig, um gezielt Inhalte zu erarbeiten und die erworbenen Kenntnisse zu vertiefen.
Spezielle Themen
Umgang mit dem Stoma und den Hilfsmitteln (Grundversorgung, Versorgungsmaterialien)
Prophylaxe von Stomakomplikationen
Behandlung von Komplikationen
Darmreinigung mittels Irrigation (theoretische Grundlagen)
Kostanpassung bei Stuhlgangsproblemen
Störungen im psycho-sexuellen Bereich
Verhaltensanpassung bei Harn-Inkontinenz
Hilfsmittel bei Inkontinenz
Alltagsprobleme, Selbsthilfe
Allgemeine Themen
Grundlagen, Diagnostik und Behandlungsmethoden der Grundkrankheit
Aspekte der medizinischen Nachsorge
Reintegration in den Arbeitsprozess
Psychologische Angebote
Die psychische Hilfestellung sollte sich am individuellen Bedarf orientieren. Das individuelle Erleben des Krankheitsverlaufes und die spezifische Belastung durch die notwendigen therapeutischen Eingriffe, die abhängig sind von der Grunderkrankung, beeinflussen die Notwendigkeit einer psychischen Stützung sowie deren Umfang und Form.
Zu beachten ist hierbei die stark variierende Krankheitsverarbeitung. Ferner müssen Aufklärungsstand (Vorurteile, Erfahrungen), Ursachenzuschreibung (Kausalattributation), das soziale Umfeld (Familie, Partnerschaft usw.) sowie die speziellen Faktoren wie z. B. sexuelle Aktivität vor Operation bzw. Krankheit berücksichtigt werden.
Vermerkt sei in diesem Zusammenhang, dass nicht jeder Stomaträger professionelle, z. B. fachpsychologische Hilfe benötigt. Je nach Situation kann eine sachgerechte Information oder eine Begegnung mit Gleichbetroffenen den gleichen Erfolg haben wie eine professionelle Entwicklung adäquater Verarbeitungsmethoden.
Ziel einer psychologischen Intervention ist es, Hilfestellungen zu geben zur Bewältigung des Krankheitsgeschehens und hierdurch aufgebrochener Lebenskonflikte, die eine normale Alltagsbewältigung längerfristig behindern. Dabei sollten möglichst individuelle Ressourcen berücksichtigt werden. Je nach Indikation sollte die Möglichkeit des Einsatzes von Gruppen- und Einzeltherapien bestehen. Neben der verbalen Kommunikation ist auch der Einsatz gestalterischer Angebote/Möglichkeiten erfolgversprechend. Entspannungsverfahren (z. B. autogenes Training, progressive Muskelrelaxation) ermöglichen eine Verminderung von begleitenden Symptomen wie Angst, Depression, Schmerz und psychovegetativen Störungen im Rahmen des Krankheitsgeschehens.
Eine ambulante Weiterbehandlung nach der stationären Rehabilitation sollte - wenn notwendig - von seiten der Rehabilitationsklinik empfohlen bzw. im Bedarfsfall vermittelt werden.
Unterstützung durch Selbsthilfegruppen (Deutsche ILCO)
Eine Information des Stomaträgers über die Selbsthilfeorganisation Deutsche ILCO und gegebenenfalls über weitere krankheitsbezogene Selbsthilfeorganisationen (z. B. Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa-Vereinigung) ist grundsätzlich vorzunehmen. Durch Kontakt mit Gleichbetroffenen erfährt er in der Regel eine besonders wirksame Hilfe durch die Vermittlung von praxisnahen persönlichen Erfahrungen mit dem Stoma und der potentiellen Bewältigungsmöglichkeiten bei eventuell auftretenden Problemen. Vertreter der ILCO sollten regelmäßig Sprechstunden bzw. Gruppengespräche in der Klinik durchführen können. Ein Konzept über eine Zusammenarbeit mit der ILCO sollte von der Rehabilitationsklinik entwickelt werden.
Sozialberatung
Eine Sozialberatung ist zur Rehabilitation unbedingt erforderlich. Sie koordiniert die unterschiedlichen Versorgungsmöglichkeiten und verschafft Zugang zu unterstützenden persönlichen, gesellschaftlichen, sozialen und materiellen Ressourcen. Sie gibt Informationen und Hinweise oder vermittelt an zuständige Stellen.
Wöchentlich werden Vorträge und Gruppengespräche zu den Möglichkeiten der sozialrechtlichen Absicherung bzw. zum Wiedereinstieg in das Arbeitsleben veranstaltet. Einzelberatungen werden bei persönlichen und speziellen Problemen notwendig.
Vorgehen:
Beurteilung der krankheits- und behinderungsbedingten Situation
Klärung von beruflichen und psychosozialen Problemen
Aufzeigen der Möglichkeiten und Entscheidungshilfen, die zur Lösung der anstehenden Probleme führen können
Hinweise und Antragstellung aufgrund gesetzlicher Möglichkeiten
Vermittlung weiterführender Beratungsmöglichkeiten, auch am Wohnort
Berufliche Beratung
Voraussetzung jeder beruflichen Beratung ist zunächst eine gründliche individuelle Berufsanamnese und die Klärung der Frage, ob eine Tätigkeit unter Erwerbsbedingungen möglich ist oder nicht.
Grundlage hierfür ist eine sozialmedizinische Stellungnahme, die unter Berücksichtigung des Alters und des zu erwartenden Verlaufs der Erkrankung enthalten soll:
Dokumentation der krankheitsbedingten Funktionsausfälle
Beschreibung der verbliebenen körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit
umfassende Beschreibung der zuletzt ausgeübten beruflichen Tätigkeit
Vergleich der Leistungsfähigkeit mit den Anforderungen der zuletzt ausgeübten beruflichen Tätigkeit
Beschreibung von funktionellen Beeinträchtigungen bezogen auf die zuletzt ausgeübte berufliche Tätigkeit (negatives Leistungsbild)
Beschreibung der verbliebenen zumutbaren qualitativen Leistungsmerkmale, des körperlichen Arbeitsumfanges, der Arbeitshaltung und der Arbeitsorganisation (positives Leistungsbild)
Selbsteinschätzung des Patienten zur beruflichen Leistungsfähigkeit
Empfehlung für berufsfördernde Maßnahmen
Informationsumfang
Die Beratung des Stomaträgers soll eine gründliche Information über Grundkrankheit, Funktion des Stomas und eine Aufklärung über mögliche Komplikationen umfassen sowie psychosoziale und berufliche Probleme und deren eventuelle Lösung bzw. mögliche Hilfen ansprechen.
Die Beratung erfolgt individuell und ist den speziellen Bedürfnissen des Stomaträgers anzupassen. Bewährt hat sich trotzdem ein grundlegendes Konzept, welches als Fundament für eine individuelle Beratung gelten kann. Letzteres sollte - der Übersichtlichkeit halber - standardisiert sein und folgende Einzelheiten umfassen, die auch zu dokumentieren sind:
Ursache der Stomaanlage
Bezeichnung (Name) der Stomaanlage
prophylaktische Maßnahmen
Einzelheiten des bisherigen Verlaufs
Hinweise auf mögliche Komplikationen
ggf. abschließende Information über die Irrigation (bei der Colostomie und entsprechender Indikation)
Kenntnisse über eine verträgliche und gesunde Ernährung
Kenntnisse über Verordnung der Hilfsmittel
Bezeichnungen (Namen) der Hilfsmittel
Hinweise auf Bezugsquellen (Sanitätshaus, Apotheke usw.)
grundsätzliche Informationen über sonstige Ansprechstellen am Ort (z. B. Gesundheitsamt, Krebsberatungsstelle, Selbsthilfe-Kontaktstelle)
Kenntnisse über weitere Rehabilitationsmöglichkeiten (ambulant, teilstationär)
Kenntnisse über sozialrechtliche Möglichkeiten
Kenntnisse über berufliche Möglichkeiten
Möglichkeiten von Nachsorgemaßnahmen der Grunderkrankung (z. B. Tumornachsorge)
Aushändigung oder Information über schriftliche Informationshilfen (Ratgeber usw.)
Übergabe des UNS (Untersuchungsnachweis Stoma) der ILCO bei Colostomie und Ileostomie
Qualitätsbeurteilung
Der Rehabilitationsprozess unterliegt sehr unterschiedlichen Einflüssen, die ihren Niederschlag im Ergebnis finden:
Rehabedürftigkeit bzw. -fähigkeit des Stomaträgers (objektiv, subjektiv)
Qualität der Vorbefunde
Umsetzung therapeutischer Standards
Koordination therapeutischer Interventionen
Qualifikation des Beratenden bzw. Therapeuten
Umfang und Didaktik der Vorträge inhaltliche und zeitliche Abstimmung psychosozialer Interventionen
Qualität der Dokumentation Die Beurteilung der Effektivität stößt bekanntlich auf Schwierigkeiten. Trotz zahlreicher Messinstrumente und etablierter Wertungsverfahren in Form von Fragebögen erscheint eine endgültige, umfassende Evaluation nur in Teilen möglich, weil die subjektive Beurteilung des Prozesses und seines Ergebnisses durch alle daran Beteiligten eine nicht zu übersehende Rolle spielt. Die Bewertung einer Maßnahme durch den Betroffenen selbst - eine sehr wesentliche Variable in der Evaluation - ist in großen Teilen abhängig vom Vergleich der erbrachten Leistung mit seinen zuvor bestandenen Erwartungen und seiner Aufnahmefähigkeit.
In der stationären Rehabilitation hat sich die Analyse des Entlassungsberichtes in Form einer Checkliste mit qualitätsrelevanten Maßnahmen (sogenanntes Peer Review) etabliert, die ergänzt wird durch die Befragung zur Patientenzufriedenheit hinsichtlich des Rehabilitationsprozesses. Eine abschließende Beurteilung erscheint aber auch mit diesem Vorgehen nicht ausgeschöpft, so dass die Notwendigkeit einer weiteren Verfeinerung von Mess- und Wertungsverfahren besteht.
Die Leitlinie wurde von Dr.med. Peter Kruck entworfen, bei einem Workshop mit Ärzten von Rehakliniken diskutiert und vom Vorstand der Fördergemeinschaft STOMA überarbeitet.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen